01 // Wie läuft so ein Illustrationsauftrag eigentlich ab?
Darüber gibt es eine wunderbare Broschüre von der Illustratoren Organisation IO e.V. , die "Erfolgreich
arbeiten mit Illustratoren"
heißt und hier bestellt oder als pdf heruntergeladen
werden kann. Und wie meine Arbeitsweise aussieht, können Sie sich hier ansehen.
Konkret ist es meist so,
dass mich ein Kunde kontaktiert, sich und sein Projekt
kurz vorstellt, mir bei Interesse ein detailliertes Briefing gibt und ich auf dieser Grundlage ein Angebot
erstelle. Dies ist meist aufgeschlüsselt nach Arbeitszeit
und Nutzungsrechten und bietet dadurch Verhandlungsspielraum.
Wenn alles geklärt ist, wird mein Angebot vom Kunden unterzeichnet
und mir zugeschickt.
Am Anfang der meisten Projekte steht zunächst eine Idee, oft eine Figur mit einer Art Welt drumherum, und ein bestimmter
Zeichenstil. In dieser Phase arbeite ich mit schnellen
Scribbles,
um zu klären, ob der Kunde und ich dieselbe visuelle Sprache sprechen,
ob eine Idee durchführbar ist und ob die Richtung stimmt. Häufig
lassen sich mehrere Ideen zu einer einzigen
verdichten.
Sind die Vorgaben geklärt, skizziere und konstruiere ich auf Basis eines
bestimmten, meist vorgegebenen Layouts Figuren, Posen, Szenen und
Hintergründe. Dies geschieht manchmal mit Hilfe ausgedruckter
und ausgeschnittener Figurinen und maßstabsgerechter
Räume, Möbel und Dinge.
Schließlich werden die besten Skizzen gescannt und besprochen.
Nun geht
meine Arbeit an Mac weiter. Zunächst
säubere
ich die Linien der Figur und lege Farbflächen an, während im Hintergrund bereits eine Raumsituation mit einzelnen Elementen entsteht, die sich auf verschiebbaren Ebenen befinden und
wie auf einer Bühne interagieren.
Der schönste Schritt ist immer, zu sehen, wie eine Figur oder eine Szene plötzlich lebendig
wird.
Schließlich werden
die Bilddaten abgegeben und später vom Kunden veröffentlicht.
Ganz wunderbar finde ich es immer, meinen Figuren dann
in freier Wildbahn zu begegnen – oder die Umschläge und
Kartons mit Belegexemplaren zu öffnen.
02 // Was inspiriert
Dich?
Spontan fällt mir ein: Geschichten, die Menschen erzählen (ebenso real
wie in Büchern), Sätze oder Satzfragmente, der Ausblick aus dem Fenster links neben meinem Mac, Wolkenformationen, ein Lachen
auf der Straße (bei dem man sich fragt, wie der Mensch dazu aussieht), ein Augenaufschlag
an der Supermarktkasse, das Eigenleben irgendwo stehengelassener Dinge (die manchmal
wirken, als würden sie miteinander kommunizieren, oder als hätten sie
eine außerordentlich bewegte Geschichte hinter sich), Kaffeesatz, die Perfektion
eines Regentropfens, die Würde eines alten Baumes, oder die Rührung,
die ein seltsames altes Lied oder ein Geruch aus der Kindheit auslösen kann,
flüchtige
Eindrücke, Menschen im Vorübereilen,
Lieblingsbücher, Sätze, Nebensätze, Köstlichkeiten, Seligkeiten,
Zufälle, Supermärkte, Aufräumen, Rätsel des Alltags, Dinge
neu erfinden, Lieblingslieder, Gerüche, Licht, Schatten, Wolken, Lieblingswörter,
die Minuten vorm Aufwachen, Lieblingsmenschen, Zufallsbekanntschaften, Herzenswärme,
in Bildern denken, Kaffee, Spaziergänge, mein Liebster, Ideen weiterspinnen,
Bäume, dazulernen, Dinge mal ganz anders betrachten, Kopf abschalten, Aktzeichnen,
Fotografieren, Ausflugstage, lange Bahnreisen und Autofahrten, Langeweile, Glückskekse,
leeres Papier, Notizbücher, alte Skizzen, Tankstellen, Fotos von Fremden,
Vogelgezwitscher, Souvenirs. Und vieles, vieles mehr.
Was ich bei Projekten für und mit Kunden zur Ideenfindung
immer sehr hilfreich finde, ist die
Entwicklung einer Figur.
Das sieht oft so aus, dass diese einen (internen)
Namen bekommt, bestimmte Eigenschaften und möglicherweise eine
ideale Schauspiel-Besetzung.
Daraus resultiert oft nicht nur eine wunderbare Idee, sondern auch eine Art Folgerichtigkeit, Lebendigkeit und Wärme.
03 // Wie, wo und wann
entstehen die besten Ideen? Was tust Du,
wenn Dir nichts einfällt?
Ideen können eigentlich immer und überall entstehen... je nach Projekt und Tagesform ganz unterschiedlich – manchmal den
ganzen Tag, manchmal spät nachts, wenn es ganz ruhig ist und die Zeit stillzustehen
scheint, manchmal einfach beim dritten Kaffee – aber nur sehr selten morgens
früh
oder an Tagen, an denen ununterbrochen das Telefon klingelt. Manchmal
aber eben auch am Telefon...
Es ist eigentlich nie so, dass mir zu Projekten überhaupt nichts
einfällt – normalerweise ist schon das Projekt selbst eine wunderbare
Inspiration. Dann braucht man ja nur überlegen, was man daraus machen kann, oder wie man das Beste
herausholt und es verständlich kommuniziert. Das hat manchmal
deutlich mehr mit Detektivarbeit als mit Inspiration zu tun.
04 // Wie vermeidest
Du, in einen Alltagstrott zu geraten?
Meine Kunden sorgen schon dafür, dass ich nicht in einen Trott gerate! Ansonsten:
Weiterlernen, weiterentwickeln, neugierig bleiben, in ganz unterschiedlichen
Bereichen arbeiten und gern
auch Aufträge annehmen, die Herausforderungen darstellen und mich ein (überschaubares) Stück weit überfordern... ansonsten
denke ich eigentlich nicht viel darüber nach, hip zu sein; das Handwerk
selbst und die möglichen Ausdrucksformen interessieren mich in all meinem Tun deutlich mehr
als Moden oder Trends.
05 // Wie sieht eine
typische Arbeitswoche bei Dir aus (falls es sowas gibt)?
Eine typische Arbeitswoche gibt es bei mir nicht wirklich (was einer der Gründe
ich, warum ich meinen Beruf wirklich gern mag – jeder Tag ist anders, jede Woche
ist anders, jeder Monat und jedes Jahr sind völlig unterschiedlich), das
kommt immer auf Auftragslage, Art der Projekte, Projektphasen und Kunden an. Das Spektrum reicht von 16-Stunden-Tagen und
7-Tage-Wochen über
ganz normale entspannte Arbeitszeiten bis hin zu spontanen Urlaubstagen.
06 // Wo nimmst Du bloss all
dieses Talent her? Ich könnte das nie.
Ich halte Talent für furchtbar überbewertet. Und können ebenso.
Letztlich ist das alles
Arbeit und Lernen und Herausforderungen annehmen und meistern und daran wachsen...
Talent kann einem dabei durchaus auf die Sprünge helfen und die ersten Schritte
erleichtern, aber eben dann auch ziemlich
im Wege stehen – weil man es für
selbstverständlich
hält, etwas zu können glaubt und sich
nicht so leicht traut, neue Pfade zu beschreiten und sich weiterzuentwickeln.
Talent ist für mich etwas sehr Statisches.
Eigentlich ist die Frage doch eher,
in welchen Bereich man seine Arbeits- und Lernzeit investieren möchte. Vermutlich
könnte jeder zeichnen, der mal fünf
Jahre seines Lebens nichts anderes tut als das – und einfach nicht daran glaubt, dass er etwas nicht kann.
07 // Ich möchte
gern Illustrator werden. Wo soll ich denn bloss anfangen?
Das finde ich immer eine äußerst schwierige Frage – erstens funktioniert das ja für jeden unterschiedlich, und zweitens habe ich selbst nicht einmal Illustration studiert, sondern Mode – aber darin auch
vieles gelernt, was mir nun auch beim Illustrieren sehr hilft: So etwas wie "ein
Kleid kann man nur dann richtig beurteilen, wenn man es selber anzieht"
läßt sich ja wunderbar auf Zeichnungen übertragen und
ist vermutlich der Grund dafür, dass ich lieber – und besser – Frauen
zeichne als Männer! Das Zeichnen wiederum habe ich mir größtenteils selber
beigebracht, dann aber schließlich auch unterrichtet, was sehr spannend war – ich
musste vieles zu definieren lernen, was ich bis dahin rein intuitiv gemacht
habe.
Was mir persönlich sehr beim (Weiter-)Lernen hilft, ist, mich selbst herauszufordern
und Dinge so anzugehen, wie ich es nicht zu können glaube. Und eine Art Selbstdisziplin, die einem durch Nachtschichten hilft und dabei, weiterzumachen, wenn es mal nicht so gut läuft.
Und der beste Rat, den man jemandem geben kann, der etwas unbedingt tun
will, aber nicht weiß,
wie er da herangehen soll, ist vermutlich: Einfach anfangen.
Und zusehen, was sich daraus entwickelt... Der erste Schritt ist immer
der Schwerste. Und die Wege irgendwohin für jeden unterschiedlich.
08 // Ist es besser,
mit verschiedenen Stilen zu arbeiten oder sich zu spezialisieren?
Das bin ich schon so oft gefragt worden, und finde es immer wieder schwer zu beantworten...
Im Allgemeinen wird ja geraten,
sich auf einen Stil zu spezialisieren, der dann immer wiedererkennbar ist.
Das finde ich für
mich persönlich allerdings eher langweilig – obwohl meine
Illustrationen angeblich wunderbar wiedererkannt werden, selbst
wenn sie ganz unterschiedlich gezeichnet sind. Ich möchte
mir da lieber Spielraum für Weiterentwicklung lassen und in allererster
Linie zum jeweiligen Projekt passend arbeiten.
Mal abgesehen davon,
dass man sich und seine Bildsprache ja auch weiterentwickelt, und sich
damit automatisch auch der Stil ändert und das Spektrum erweitert – wobei man aber wunderbarerweise auch immer zu einer alten Arbeitsweise zurück kann.
Ich habe das Glück,
dass die meisten meiner Kunden das zu schätzen wissen. Letztlich
denke ich, diese Frage muss jeder für sich selber beantworten.
09 // Wie habt
Ihr eigentlich Lily Lux erfunden? und wie sieht Eure Zusammenarbeit
aus?
Matthias Klesse und ich haben Lily Lux zusammen erfunden, oder besser: gefunden… Und weil
Lily als
eine Art Karikatur von mir entstanden ist – die sich aber dann
irgendwann völlig verselbständigt und eine ganz eigene Logik,
einen eigenen Geschmack und einen eigenen Willen entwickelt hat –, war
die Außenperspektive insgesamt ganz schön wichtig. Wir haben
besonders in der Anfangszeit sehr viel mit Lieblingsfreunden über
das Projekt gesprochen und immer wieder Seiten und Entwürfe gezeigt – das
war außerordentlich hilfreich, um herauszufinden, wer Lily
eigentlich genau ist... das ist alles sehr organisch gewachsen und hat
sich irgendwann wie von allein zu einem ganz klaren, lebendigen Bild
zusammengefügt.
Konkret ist es so, dass wir in erster Linie gemeinsam herumspinnen, Ideen finden
und diese aus ihrer eigenen Logik heraus entwickeln. Die Ideen und Texte haben
Matthias und ich zusammen erarbeitet, aber illustriert und zusammengebaut habe
ich Lily und ihre Welt dann allein, wobei Matthias als zweites Paar Augen auch
da sehr wichtig war – einerseits als Korrektur, andererseits
aber auch als Hilfe bei der Ideenfindung, beim Weiterspinnen und bei den kleinen
Detailgeschichten, die sich da im Hintergrund abspielen… allein kann man
halb so schön
fabulieren wie zu zweit. Und das Schöne, wenn man zu zweit arbeitet, ist
ja auch, dass meistens einer den Wald überblickt, wenn der andere zwischen
Bäumen verloren geht – und umgekehrt.
10 // Wovon träumst
Du Eigentlich? Und wie soll es weitergehen?
Noch so eine schwierige Frage...
Ich bin vermutlich einfach besser
im Wollen und im Tun als im Träumen: Wenn ich von etwas
träume, das im Rahmen der auch nur entfernt realisierbaren
Möglichkeiten liegt, dann setze ich alles daran, das auch
zu realisieren. Was den Träumen möglicherweise ein
wenig vom Reiz der Unerreichbarkeit nimmt, aber für die
Realität durchaus äußerst bereichernd ist. Wenn
ich mir eines für die Zukunft wünschen könnte,
dann das: weiterzulernen, neugierig zu bleiben, und die Leidenschaft
für das, was ich tue, den Rest meines Lebens zu behalten.
Außerdem möchte ich gern weiterhin Projekte machen,
die Herausforderungen für mich darstellen und mich zwingen,
in neuen Wegen zu denken und zu arbeiten. Gern
mehr Bücher
mit Herzblut und Details, über
die ich beim Zeichnen selbst lachen muss, aber auch mal wieder
mehr dreidimensionale Dinge, und immer wieder gern oberflächliche,
fröhliche Werbemädchen.
Hauptsächlich möchte
ich mich nicht langweilen oder nur noch selbst zitieren - dann
würde ich wahrscheinlich den Beruf wechseln. Aber bis dahin bin ich überzeugt, den wunderbarsten Beruf der Welt zu haben!